Leichter Abschied nehmen – und das Leben feiern

Zweig auf dem Boden

Abschied von einem nahestehenden Menschen zu nehmen, ist keine leichte Aufgabe. Doch trotz des Schmerzes: Es ist auch in vielerlei Hinsicht ein Geschenk

Ich schaue gerade auf das Meer. Es ist heute ganz still und sieht magisch aus – fast wie gemalt. Und auch ich bin ganz still, denn ich nehme Abschied. Meine Oma liegt im Sterben und hat sich auf den Weg gemacht. Ich bin viele Tausend Kilometer entfernt auf Sardinien und kann nichts tun: Das macht mich unendlich traurig und ich fühle mich hilflos und verletzlich. Und dennoch bin ich glücklich. Denn ich konnte mich von ihr verabschieden, bevor ich los gefahren bin: Und ich weiß, wie wichtig und wertvoll diese Abschiedsphase mit einem Menschen ist.

Der Tod macht demütig

Viel zu häufig lassen wir unsere Gefühle zum Thema Tod gar nicht in der Tiefe zu. Wir haben keine Lust auf schlechte Stimmung oder haben Angst davor. Also unterdrücken wir sie häufig. Oder wir lenken uns davon ab, stürzen uns in die Arbeit oder sind viel unterwegs. Trauer und der Tod haben in unserer Gesellschaft wenig Platz. Dabei hat der Tod auch etwas Schönes: Denn er kann wachrütteln: Mich zum Beispiel erinnert er daran, dankbar zu sein, mein Leben in vollen Zügen zu genießen, meine Zeit auf der Erde weise zu nutzen und mich zu verwirklichen.

Leichter Abschied nehmen

Und noch eines wird in diesem Zusammenhang häufig vergessen oder unterschätzt: Wie schön und wertvoll ein bewusster Akt des Abschiednehmens sein kann. Denn dieser bewusste Akt bietet dir die Möglichkeit, noch einmal reinen Tisch zu machen. Und dem Anderen zu sagen, dass du ihn liebst oder dich an all die schönen gemeinsamen Momente zu erinnern.

Reinen Tisch machen

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es unheimlich lange dauert, einen Menschen nach seinem Tod wirklich loszulassen und die Trauer zu verarbeiten, wenn noch Schuldgefühle oder Wut im Spiel sind. Daher empfehle ich dir, so schnell wie möglich mit Mitmenschen reinen Tisch zu machen. Denn dafür brauchst du kein Sterbebett. Das klingt so einfach, ist aber häufig sehr schwierig und kostet viel Mut. Warte dennoch nicht zu lang damit. Denn aus eigener Erfahrung sage ich dir:

 

“Das Leben ist manchmal schneller vorbei, als dir lieb ist.”

 

Solltest du gerade in der Situation sein, dich unfreiwillig von jemanden verabschieden zu müssen, tu es ganz bewusst. Ja, es tut unglaublich weh und ist ein schwerer Angang. Schiebe es dennoch nicht hinaus und nimm dir Zeit dafür. Das ist das schönste Geschenk das du demjenigen und dir selbst machen kannst.

Was wirklich zählt

Das Schöne ist: Der nahende Tod eines Angehörigen oder Freundes lädt dich auch dazu ein, dein eigenes Leben zu reflektieren. Denn am Ende zählen nicht unser volles Bankkonto oder das schicke Auto. Wenn du Lust hast, halte jetzt mal kurz inne und überlege, was du dich selbst auf deinem eigenen Sterbebett fragen würdest. Mich motivieren die folgenden Fragen dazu meinen Blick auf das zu richten, was im Leben wirklich zählt.

Meine Fragen lauten:

  • War ich ein guter Mensch?
  • Bin ich meinen Werten treu geblieben?
  • Bin ich meinem Herzen gefolgt?
  • Habe ich mich zum Ausdruck gebracht und meine Träume gelebt?
  • Habe ich andere Menschen durch mein Tun inspiriert?
  • War ich Authentisch und ehrlich?
  • Habe ich mehr gegeben, als dass ich genommen habe?
  • Habe ich liebevolle, wertschätzende und ehrliche Beziehungen geführt?
  • Habe ich allen Menschen und mir selbst vergeben?
  • Habe ich mich ständig weiterentwickelt und meine Zeit weise genutzt?
  • Habe ich Innen & Außen im Einklang gelebt?

Sollten deine Antworten von deinem jetzigen Leben abweichen, sei dankbar für diese Erkenntnis. Das ist der erste wichtige Schritt. Und vielleicht motiviert dich diese Erkenntnis ja dazu, deinen Fokus zukünftig zu verändern und auf die Dinge zu richten, die für dich wichtig sind.

Innerlich wachsen

Um dich dabei zu unterstützen, besser damit umzugehen Abschied zu nehmen, habe ich dir ein paar Gedanken zusammengestellt. Sie öffnen nicht nur deinen Blick und dein Herz: Sie können dich auch dazu inspirieren, noch liebevoller mit dir selbst umzugehen oder deine Verletzlichkeit zuzulassen:

// Loslassen üben

Manchmal ist es nicht leicht, den Tod zu akzeptieren. Eventuell fühlst du dich auch gerade ganz schön ungerecht behandelt vom Leben, dass ausgerechnet du jetzt durch diesen Scheiß durchgehen musst. Oder du fragst dich vielleicht, was du falsch gemacht hast.

Mein Tipp:
Kämpfe nicht länger dagegen an – das hilft dir nicht und lähmt dich. Lasse deine Widerstände los und gebe dich der Situation hin: Auch, wenn es sehr weh tut. Loslassen bedeutet Akzeptanz. Daher ist es auch wichtig, deine Gefühle nicht zu unterdrücken und ihnen stattdessen freien Lauf zu geben. Denn nur dann kannst du sie heilen oder transformieren. Also: Sei mutig und stelle dich dir selbst.

Erlaube dir gerade jetzt schwach sein zu dürfen. Versuche dich davon frei zu machen, was andere von dir denken. Jeder Mensch ist unterschiedlich und trauert unterschiedlich – das ist völlig okay. Und selbst wenn du gerade selbst überfordert von der Situation bist und noch keine Trauer spüren kannst, ist es okay so zu sein. Werte dich dafür nicht ab oder versuche einem bestimmten Bild zu entsprechen oder dich in eine Rolle zu pressen in die du nicht hineinpasst. Richte deinen Fokus stattdessen auf die schönen, wertvollen Momente die dir noch mit demjenigen bleiben. Sei dankbar für diese besondere Zeit und sei vor allem vollkommen präsent.

Fragen die du dir stellen kannst:

  • Welche Gefühle kommen gerade in mir hoch?
  • Womit lenke ich mich gerne ab, um meine Gefühle zu unterdrücken?
  • Wo sitzen diese Gefühle in meinem Körper – spüre ich zum Beispiel wie sich mein Magen zuschnürt oder mein Hals eng wird?
  • Fühle ich mich schlecht, weil ich noch nicht richtig trauern kann?
  • Habe ich mir heute schon fünf Minuten Zeit genommen, um kurz innezuhalten und meine Gefühle zu fühlen?

 

// Kontrolle abgeben

Vielleicht fühlst du dich auch gerade ganz schön allein gelassen oder bist wütend, dass alles an dir hängen bleibt. Einen Menschen zu verabschieden kostet viel Energie und manchmal ist es ein Langstreckenlauf.

Mein Tipp:
Versuche nicht länger, alle Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten. Dies ist eine Ausnahmesituation und niemand erwartet von dir, dass du jetzt alles unter Kontrolle hast. Nimm auf dich und deine Kraftreserven Rücksicht und gönne dir auch mal Ich-Zeit. Integriere kleine Rituale in deinen Alltag, die dir guttun und deine Kraftspeicher auffüllen. Und sollten Schuldgefühle hochkommen: Bekämpfe sie nicht, sondern lade sie stattdessen ein, dich bei deiner Auszeit zu begleiten. Denn jedes Gefühl, das du unterdrückst, wird immer größer statt kleiner. Erstelle eine Prioritätenliste, delegiere Aufgaben und denke daran: Du selbst hast auch mal Priorität.

Fragen die du dir stellen kannst:

  • Habe ich heute auch mal Nein gesagt?
  • Fühle ich mich ungebraucht, wenn ich die Kontrolle abgebe und nicht alles selber mache?
  • Was kann ich delegieren? Traue ich es anderen auch zu?
  • Habe ich mir heute schon Ich-Zeit gegönnt, um meine Batterien wieder aufzuladen?
  • Was braucht mein Körper gerade – was würde mir jetzt guttun, um meine Kraftreserven wieder aufzuladen?

 

// Verantwortung abgeben

Du wirst schnell feststellen, dass du nicht alleine hilflos davorsitzt. Auch Familienmitglieder, Freunde oder Bekannte haben häufig Schwierigkeiten, mit der Situation umzugehen. Einige trauen sich vielleicht nicht, dich anzurufen oder vorbei zu kommen. Ein großer Freundeskreis reduziert sich oft ganz schnell in so einer Ausnahmesituation.

Mein Tipp:
Nimm das nicht persönlich. Vielleicht macht dich das wütend und du fängst an zu vermitteln, beispielsweise indem du Freunde überredest, denjenigen unbedingt nochmal zu besuchen. Lass es sein: Das ist nicht deine Baustelle. Nutze deine Energie für wichtigere Dinge.

Fragen die du dir stellen kannst:

  • Übernehme ich die Verantwortung für einen Teil der Situation?
  • Mache ich mir Gedanken darüber, ob die Freunde es irgendwann bereuen werden, nicht nochmal hingefahren zu sein?
  • Lasse ich meine Trauer zu oder versuche ich mich permanent abzulenken?
  • Verurteile ich Andere dafür, sich nicht genug zu kümmern?
  • Kümmere ich mich genug um mich selbst?

 

// Mitgefühl statt Schuldgefühl

Jetzt kommt der schwierigste Teil des Abschied nehmens. Mache reinen Tisch und spreche mit demjenigen über deine Gefühle. Oder all das, was noch zwischen euch steht.

Mein Tipp:
Musst du weinen oder fühlst du dich hilflos? Dann lass das unbedingt zu und spreche darüber. Hast du noch alten Groll? Raus damit. Befreie dich von dieser inneren Last. Und denk daran: Bleibe bei dir und deinen Gefühlen, anstatt zu bewerten. Vergiss nicht auch über die schönen Momente zu sprechen. Sag demjenigen, was für eine großartige Person er ist und war. Erzähle ihm, warum du stolz auf ihn bist.

Ich habe es damals bei meinem Vater nicht geschafft, meine Wut komplett auszublenden. Er ist sehr plötzlich im Ausland verstorben. Das hat dazu geführt, dass vieles ungeklärt war und ich jahrelang starke Schuldgefühle hatte und mir viele Vorwürfe gemacht habe. Deswegen möchte ich dir heute ans Herz legen, es zumindest zu versuchen. Ich glaube an dich. Verlasse deine Komfortzone und trau dich, über deine Gefühle zu sprechen.

Fragen die du dir stellen kannst:

  • Habe ich Angst etwas Wichtiges vergessen zu fragen?
  • Welche Fragen oder welcher Teil meiner Geschichte sind für mich noch wichtig zu besprechen?
  • Welches Verhalten aus der Vergangenheit habe ich demjenigen noch nicht vergeben?
  • Wofür bin ich dankbar, was durfte ich durch ihn lernen?

 

Kein einfacher Weg

Wie ich oben schon sagte: Es ist sehr viel schwerer, die Trauer zu verarbeiten, wenn du keinen reinen Tisch machst. Springe über deinen Schatten, nimm all deinen Mut zusammen und spreche alles aus, was dir auf der Seele brennt. Und wenn du heulen musst, lass es raus – das ist gut. Sollte es dir während des Abschiednehmens schwerfallen über deine Gefühle zu sprechen: Sei nicht so streng mit dir. Vielleicht fällt es dir leichter, sie aufzuschreiben und du schreibst demjenigen einfach einen Brief? Mehr Inspirationen findest du hier: Gute Taten – und wie sie das Leben positiv verändern. Dieser Schritt ist nicht einfach, du wirst dich hinterher jedoch viel leichter fühlen und die innere Last verschwindet.

Ein Tipp zum Schluss

Um leichter Abschied zu nehmen, könntest du ein kurzes Video von demjenigen aufnehmen, oder ihn ein paar Sätze in dein Handy sprechen lassen. Irgendwann wirst Du froh sein, diese Aufnahmen zu haben. Ich habe auch so eine Sprachaufnahme von meinem Vater und sie ist mein wertvollster BesitzWarum dieser Schicksalsschlag mein größtes Geschenk war.

Und dann: Sei stolz auf dich und feiere dich für deinen unglaublichen Löwenmut! Und gerade in so einer schweren Zeit ist ein Wohlfühlzuhause sehr wichtig. Wenn dir danach ist, mach meinen Test: “Welcher Typ bist du – und wie kann dein Zuhause dir Kraft spenden“.

 

Helfen dir meine Tipps um leichter Abschied zu nehmen? Vergiss nie: Du bist nicht allein – wenn du magst, schreibe mir in den Kommentaren was dich in Bezug aufs Abschied nehmen gerade beschäftigt. Ich antworte auf jeden Kommentar.

Foto: Stephen Ellis | Unsplash

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